"Flaggen können viele Emotionen hervorrufen. Es sind mächtige Symbole. Sie können Glück oder Trauer widerspiegeln," sagt Matt Lamb. Es gibt viele Wege, um tiefe Gefühle, die man nicht einfach übertönen kann, auszudrücken. Und in unserer bewegten Geschichte gab es viele progressive Menschen, die einen eigenen und originellen Weg fanden, um diese Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Die Kunst ist immer der Motor und der Weg par excellence, um dieses vitale Ziel zu erreichen. Manche nutzten zur Vermittlung die warmen Töne der Musik, um ihre Seelenängste  zu offenbaren. Novalis merkte hierzu an: " Musik, Plastik und Poesie sind Synonyme. Malerei und Plastik sind nichts anderes als Bilder der Musik".

Für andere nimmt herausragende Literatur diesen Platz ein. So sagt Kafka: "Ich hasse alles, was keinen Bezug zur Literatur hat". Doch gab es kreative Geister, die einen einfacheren und zugleich differenzierteren Weg wählten, nämlich die Malerei, mit der Absicht, Geist und Gefühl aufzuwirbeln, so wie Picasso sagt: "Malen ist stärker als ich; immer bringt die Malerei mich dazu, das zu machen, was sie verlangt." Einfach ist Malerei für Anfänger, denn zu ihrem Verstehen ist es nicht nötig, eine komplexe Sprache zu beherrschen (wie dies in der Literatur der Fall ist), als schwierig erweist sie sich jedoch für den Künstler, denn ihm ist es nicht möglich, Worte als Hilfsmittel zur Übermittlung seiner tiefen, ihn inspirierenden Gefühle zu benutzen oder aufpeitschende Klänge zu deren Offenbarung einzusetzen. Nichtsdestoweniger erzählt uns jedes Bild eine Geschichte. Selbst das Publikum, dieser treulose Liebhaber, verbeugt sich vor der einen oder anderen Kunstform  - je nach Geschmack, Gewohnheit und persönlicher Kultur.

Einige Leute singen mit, wenn sie Beethovens majestätische 5.Sinfonie hören, andere sind zutiefst bewegt, wenn sie die beeindruckenden Werke Kafkas lesen. Für all diese außergewöhnlichen Kunstwerke aber ist  eine feingliedrige Einübung notwendig, wenn man aus ihnen ein Optimum an Freude gewinnen will. Darüber hinaus ist es nötig, sich in ruhigem Gemütszustand zu befinden und konzentriert zu sein, um jedes kleinste Detail schätzen zu können; es ist also nicht nur Lesen als solches notwendig, um sich an Kafka zu erfreuen, und nicht jeder, der zuhört, wird Vergnügen an Beethoven haben.

Auf der anderen Seite aber wird jeder, der in der Lage ist zu sehen, eine unmittelbare Regung in seinem Inneren spüren, wenn er sich dem harten Kampf mit einem phantastischen Bild aussetzt: Freude, Trauer, Nostalgie, Angst, Überraschung und manchmal sogar Ekel.

„Als ich das erste mit Mal Matt Lambs Malerei konfrontiert war, dachte ich bei mir: "Dieser Mann malt furchtbar!". Um diskreterweise keine Feingefühle zu verletzen und kein voreiliges Werturteil zu fällen, beschloss ich zu schweigen.

Und das ist, was ich sah: verschiedene Grünfarben, verbunden mit einem Blutrot, neben einem fürchterlichen Kanariengelb, an einigen Stellen aufgetragen mit einer Substanz ähnlich wie Sägemehl; alles schien sandig, eine Einheit schaffend, um eine Art von typenhafter Kreatur zu skizzieren, die wieder und wieder erschien und verschwand, dabei eine fesselnde Geschichte erzählend, von der ich mich nicht losreißen konnte und die ich wirklich verstehen wollte. In diesem Augenblick, der von Neugier bestimmt war, begann in mir das zu wachsen, das ich als "Matt Lambs Geheimnis" bezeichnete.“ Max Sznicer (2003)

Sogar ein vierjähriges Kind kann von Malerei beeindruckt sein, obwohl seine Erkenntnisfähigkeit von der eines Erwachsenen oder des Künstlers selbst unterschiedlich sein wird.

Malerei ist jedem zugänglich, unabhängig von Sprache, Rasse oder Glauben. Malerei ist inklusiv, nicht exklusiv; Gemälde sind Flaggen, die nicht Nationen und deren Niedertracht repräsentieren, sie repräsentieren all unsere Lebensumstände, und wenn der Künstler wirklich begabt ist, wird sein Werk unsere Seelen erreichen. Technik kann außer Acht gelassen werden, das, was bei der Malerei zählt, ist ihre Bedeutung, ist das, was sie darstellt und was emporsteigt in unsere Herzen.

Das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch waren wir so glücklich, exzellente Maler zu haben. Und wir sind in der Lage nicht nur  ihre beeindruckenden Werke zu  genießen, sondern auch ihre tiefen Gefühle zu erfahren, dank der hoch technisierten Kommunikationstechnologie, über die wir heute verfügen.

Insofern haben wir die Möglichkeit (sei es auf höherer oder niedrigerer Ebene), ihre Ideen, ihre Ideale, ihre verschiedenen Techniken, ihre persönliche Einstellung zur Kunst zu erkennen. Dank dieses Wissens können wir Ähnlichkeiten zwischen ihnen überprüfen, die über die Ähnlichkeiten hinausreichen, die möglicherweise in ihren außergewöhnlichen Kunstwerken existieren.

Für das Publikum ohne Sachkenntnis oder für den nur Begeisterten wird es schwierig sein, die unverwechselbaren Züge im Werk eines Künstlers zu bemerken, (noch schwieriger wird sein, Ähnlichkeiten zwischen den Arbeiten des einen oder des anderen zu überprüfen), aber in einigen sehr speziellen und sozusagen magischen Fällen wird unser Auge jene subtilen Formen allein schon durch das Anschauen weniger Werke festhalten können. Und dies wird eine tiefe Wirkung auf unsere Seelen ausüben, sodass wir, wenn wir mit anderen Kunstwerken des gleichen Meisters konfrontiert sind, ihn sofort wiedererkennen werden.

Nahezu alle großen Maler durchschreiten in ihrem Leben verschiedene Stufen ihrer Kreativität, wobei glänzende, farbenreiche Werkphasen mit schwer verständlichen, dunklen Phasen wechseln, klar wiederzuerkennen sind sie jedoch deutlich anhand von wenigen typischen Linien. Dies macht es schwer, Ähnlichkeiten zwischen einem frühen Bild und einem Bild, das am Ende der Schaffensperiode entstand, aufzudecken.

Es gibt jedoch Künstler, die ihren inneren, internalisierten Idealen treu bleiben, die eine sehr wichtige Bindung  über ihr gesamtes künstlerische Leben hinweg aufrecht erhalten, trotz Änderungen in Stil und Technik. Dies ist eine Linie wie ein Signal, das uns Schritt für Schritt die Evolution ihrer Arbeit verfolgen und ihre Bedeutung verstehen läßt. Nur bei wenigen Künstlern ist diese Linie so klar zu erkennen wie in den Werken des katalonischen Genies Joan Miró oder des irischen Malers Matt Lamb. Joan Miró wurde 1893 im stürmischen Barcelona geboren, einer Stadt, die dank ihres bedeutenden Hafens von einer Vielzahl von Menschen verschiedenster Nationalität aufgesucht wurde. Boote mit sonderbaren und farbenreichen Flaggen gingen dort vor Anker.

Sehr jung noch zeigte Miró eine große Neigung für die weit entfernten exotischen Bilder und Zeichnungen der arabischen, chinesischen und japanischen Welt. Entgegen dem Bemühen seines Vaters, ihn, den jungen Miró, zu überzeugen, eine profitable Karriere als Buchhalter zu wählen, sucht er sich einen Beruf aus, der seit seiner Geburt in seinem katalonischen Blut pulsierte: die schönen Künste. Jahre vergingen, bis er seine eigene Technik durch Studien und Experimente mit Farben und Texturen fand, sich seinen persönlichen und unverwechselbaren Stil aufbaute, aufgrund dessen er überall in der Welt anerkannt ist.

Matt Lamb wurde im stürmischen Chicago von 1932 geboren, Stadt der Gangster, Immigranten und natürlich eine Stadt mit einem Hafen. Wieder sind es Schiffe und ihre Flaggen: "Flaggen sind ein Aushängeschild der Ehre und können auch gewichtige kommunikative Elemente sein. Auf einem Boot beispielsweise sind Flaggen reine Kommunikation", so Matt Lamb. Als Sohn irischer Eltern erhält auch er die irische Nationalität. Seine Neigung zur Kunst musste viele Jahre warten, weil er mit der Führung des familieneigenen Unternehmens betraut war, das er zu einem der bedeutendsten Unternehmens Amerikas macht.

Er beginnt im Jahr 1980 zu malen, nach einer irrtümlichen Diagnose, die ihm nur noch fünf weitere Lebensjahre gab. Er besuchte nie eine Kunstschule und ist absoluter Autodidakt, der seinen eigenen Stil erarbeitete, in seine Ateliers, in sein Herz eintauchte und sich nicht um Schulen kümmerte, die seine Kreativität hätten eingrenzen können.

"Ich bin davon überzeugt, dass die Abwesenheit formeller und konventioneller Kunstbildung Matt Lamb nutzte: dies gab ihm die Freiheit, Farben, Medien und Techniken in kühnster, unvorhersehbarer und unkonventioneller  Weise anzuwenden. Seine Kunst basiert auf seiner persönlichen Philosophie ". Angela Tamvaki (2002)

Beide Maler besitzen einen unverkennbaren Stil, der bei all ihren Meisterwerken geschätzt wird: schwarze Linien demarkieren die humanoiden Charaktere Lambs, schwarze Linien repräsentieren die verschiedenen Gestalten Mirós; starke und reine Farben bei beiden, Explosion von Farben und Formen, multiple Charaktere in einem Bild und in anderen Bildern nur eine Gestalt, definitiv und eindeutig. Daneben gibt es auch verschiedene Phrasen oder suggestiv einfache Worte als Flaggen, die Nachrichten tragen:

"Le corps de ma brune, puis que je l ' aime comme ma chatte habillée en vert salade comme de la grêle. C'est pareil ", Le corps de ma brune... Joan Miró. 1

 "Be not afraid, I’m with you always. If you don’t know this, you know nothing." Selbstportrait, Matt Lamb.2

Der Technik- und Stilvergleich zwischen diesen beiden großen Künstlern ist leicht für jene, die gewöhnt sind, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Die wesentliche Ähnlichkeit findet sich in den Flaggen. Flaggen, die aus dem Westen kommen, verschlafene Sinne wecken, oft auch Herzen und Seelen. Sie tragen Nachrichten, die die Sinne wecken, Herzen und Seelen erweichen: Lamb generiert eine dynamische Komposition, in der seine angedeuteten Charaktere und Symbole eine Metapher seiner Botschaft sind." Julio Sapolnik (2002)

Jede Form, jede Farbe in meinen Bildern ist an einem bestimmten Platz in der wirklichen Welt geboren. Die Konzepte "reine Farben", "reine Formen" haben für mich keinen Sinn." Joan Miró (1958).

Gerahmte Leinwand ist nicht wirklich fest, sie ist nicht statisch, sie flattert als Flagge im Wind und verlangt unsere unmittelbare und totale Aufmerksamkeit. Zu welchem der Bilder der beiden Maler wir auch schauen, wir entdecken immer eine neue fließende Gestalt, eine neue Nachricht zwischen den Zeilen, Gestalten mit starkem starrendem Blick, die wachsam schauen.

"Ist das ein neues Bild?" fragte ich voller Neugier. "Es ist ein altes," antwortete Miró, "aber oft nehme ich mir alte Arbeiten vor. Ich möchte etwas malen, so direkt wie die Natur. Unmittelbar, wissen Sie, nichts dazwischen." Walter Erben (1958).

"Lamb sagt, dass ein Bild fertig ist, wenn ein Händler es gewaltsam aus seinem Studio herausträgt und es ins Haus oder ins Büro eines Kunden hängt." Richard Speer (2003).

Obwohl sie sich nie persönlich trafen, einer vom anderen entfernt in sehr weit von einander entfernten und unterschiedlichen Ländern lebten, sind die Ähnlichkeiten zwischen ihnen evident, nicht nur in ihren beeindruckenden Arbeiten, sondern auch in der Linie, die sie über ihre gesamte fruchtbare Karriere hinweg verfolgen.

„Auf den ersten Blick war es unmöglich, sich vorzustellen, dass ein Autor so unwirklicher Bildern ein bürgerliches Leben führen könne. Aber das Beispiel Paul Klee hat mir bewiesen, dass ein geordnetes äußerliches Leben mit einer reichen und breiten künstlerischen Vision nicht nur vereinbar ist, sondern dass der unaufhörliche Druck der von Bildern, Träumen und Visionen ausgeht, diesen Kontrast nicht von ungefähr notwendig macht.“ Walter Erben (1958)

"Lamb reist in einer Limousine und einem Privatjet zwischen seinen Häusern und Studios in Chicago, Wisconsin, Florida Keys, Paris, Deutschland und Irland. Er lebt nach seinem Credo, genießt das, was er am Kapitalismus mag, jedoch hält er fest an seiner unkonventionellen Perspektive von Ästhetik und Philosophie". Richard Speer (2003)

Miró arbeitete in verschiedenen Studios in Mallorca, Mont-roig, Barcelona und Paris. Sowohl der eine als auch der andere der beiden begnadeten Maler sind davon überzeugt, dass jeder Aufenthaltsort eine andere Bedeutung, eine eigene Symbolik besitzt, die einzigartigem Schaffen entspringt und einzigartige Werke inspiriert.

Die Liebe, die diese Plätze in ihnen weckt, findet ihren Ausdruck nicht nur in Worten, sondern auch in Fakten, und der primäre Weg, für Künstler ihre Liebe zu zeigen, ist, Kunst zu schaffen und die Menschen durch die Perspektive ihrer Werke schauen zu lassen. Dies betrifft all die Liebe und Zuneigung, die ihre Kunstwerke inspiriert: Miró stiftete der Stadt Barcelona große Werke, die man nun auf öffentlichen Plätzen und Promenaden betrachten kann, Lamb verwandelte eine Kapelle in der Kirche St. Martin in Tünsdorf (Deutschland) in eines seiner größten Meisterwerke, welches tiefste und rituelle Gefühle weckt. "Alles, was wir in diese Kapelle hineintragen, sind unsere Gebete, Liebe, Toleranz und Annehmen." Matt Lamb (2003)

„Wenn wir nicht danach streben, den religiösen, den magischen Sinn der Dinge herauszufinden, fügen wir der Verdummung neue Wege hinzu, zusätzlich zu den zahlreichen, die heute bereits existieren." Joan Miró (1939).

Der von Miró am meisten geliebte Ort ist Mont-roig del Camp, eine alte Stadt mit 3000 Einwohnern, nahe am Meer, umgeben von Olivenhainen und mit einem milden und ruhigen Klima, - ideal, um Meisterwerke zu schaffen. Mirós Familie besaß dort ein "Masía" [Bauernhof], wo der junge Joan seine Sommer weit entfernt vom belastenden Klima Barcelonas verbringt. Dies ist der Platz, an dem er die völlige Freiheit findet, um seine künstlerisch-kreative Kraft fließen zu lassen: "Mont-roig flößt mir großen Enthusiasmus ein und ich male hier unglaublich viel." (Joan Miró). Solcher Art war die Wirkung, die Mont-roig auf Miró ausübte, dass er bis ins Alter hinein immer wieder an diesen Ort zurückkehrte, um in seinem Studio neben dem Haus zu malen. "All meine Werke sind in Mont-roig konzipiert worden, nie habe ich an Paris gedacht, eine Stadt, die ich hasse." (Joan Miró)

Die Karriere von Lamb ist noch nicht beendet: "Mir bleibt immer weniger Zeit und jedes mal habe ich mehr und mehr zu sagen, und was ich sagen möchte, ist das, was aus der Entwicklung meines Denkens resultiert." sagt Matt Lamb. Mit zweiundsiebzig arbeitet er mit der Vitalität eines jungen Mannes, ebenso wie Miró es in seinem Alter tat. Lambs Stil wird derselbe bleiben, trotz  technischer Neuerungen; einige Charaktere mögen verschwinden, und andere neu erscheinen: „Änderungen sind mir nicht zuwider, ich ziehe vielmehr Nutzen aus ihnen, anstatt sie  zu meiden, - dies ist auch mein Fluch."  (Matt Lamb)

"Doch werden wir immer seiner mächtigen Sprache gewärtig sein, mit der er über Frieden, Toleranz, Verständigung, Hoffnung und Liebe spricht. Man kann sagen, dass Lambs Werk ein Kontinuum ohne Ende darstellt; seine Botschaft von Liebe ist überall in seinen Bildern fassbar, gleich einer biblischen Schriftrolle, die ausgebreitet wird, um die Welt seit ihren Anfängen zu erklären." Julio Sapolnik (2002)

Heute haben wir die einzigartige Gelegenheit, die Werke beider Meister in ein und derselben Ausstellung zu sehen, die Kraft zu fühlen, die von ihnen ausgeht in der gleichen Umgebung, in der Miró viele seiner Werke schuf, in der er den Impuls für seine Malerei erhielt. "Was mich in Mont-roig genährt hat, ist die Kraft, die Kraft." (Joan Miró).

Weltweite Anerkennung erhielten beide Maler. Ihre Arbeiten sind in den bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt vertreten, ihre Flaggen übermitteln klare und starke Botschaften. Sie beschränkten sich nicht auf einen vordefinierten Stil und empfanden den Drang zur künstlerischen Kreativität als beste Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken.

Bis heute kreuzten sich die Wege der beiden Künstler nie. Parallele Linien beherrschten ihr Leben, heute treffen sich diese Linien selbst in einem instabilen, explosiven Punkt, von welchem große Felsen herunterstürzen, beladen mit einer mächtigen kreativen Gewalt, mit gewalttätigen Farben, kriegerischen Formen, mysteriösen Gestalten. Wer dies sehen will, muss bereit sein zu sehen, und wer bereit ist zu sehen, wird sehen: Lamb trifft auf Miró.